Führung in der Sandwichposition: Wie Sie zwischen Erwartungen klar und handlungsfähig bleiben

Führung in der Sandwichposition: Wie Sie zwischen Erwartungen klar und handlungsfähig bleiben

Montagmorgen, kurz nach dem Leitungskreis.

Eine Teamleitung kommt zurück ins Team. Die Geschäftsleitung hat eine Veränderung beschlossen. Der grundsätzliche Rahmen steht, viele Auswirkungen sind noch offen.

Im Team kommen sofort Fragen: Was bedeutet das für unsere Aufgaben? Wer ist künftig wofür verantwortlich? Was passiert mit den laufenden Projekten?

Die Teamleitung kennt noch nicht alle Antworten. Trotzdem soll sie Orientierung geben, die Entscheidung vertreten und dafür sorgen, dass die Arbeit weiterläuft. Gleichzeitig erwartet die eigene Führungskraft eine zügige Umsetzung, möglichst ohne Unruhe im Team.

Solche Situationen begegnen mir im Führungskräftecoaching immer wieder. Führungskräfte tragen Verantwortung für Entscheidungen, die sie oft nicht selbst getroffen haben, und sollen Orientierung geben, obwohl sie selbst noch mit Unklarheiten umgehen.

Das eigentliche Problem ist aus meiner Sicht dabei nicht nur der Druck von oben und unten. Entscheidend ist, ob eine Führungskraft unterscheiden kann, welche Verantwortung zu ihrer Rolle gehört – und welche nicht.

Was Führung in der Sandwichposition heute bedeutet

Führungskräfte in der Sandwichposition führen Mitarbeitende, vertreten Entscheidungen des Managements und müssen zugleich Auswirkungen auf den Arbeitsalltag zurückmelden. Häufig sind sie für die Umsetzung verantwortlich, ohne über alle Informationen oder Entscheidungsmöglichkeiten zu verfügen.

Diese Konstellation ist nicht neu, aber heute anspruchsvoller. Entscheidungen verändern sich schneller. Informationen erreichen Teams über Besprechungen, E-Mails, Chats und digitale Plattformen – nicht alle Beteiligten haben zur selben Zeit denselben Wissensstand. Gleichzeitig erwarten Mitarbeitende nachvollziehbare Informationen und – wo es möglich ist – Beteiligung, während Führungskräfte keine Sicherheit versprechen dürfen, die sie selbst nicht haben.

Hinzu kommt operative Verdichtung: Teamleitungen arbeiten oft selbst in Projekten, lösen Kundenprobleme und gleichen personelle Engpässe aus.

Auch neue digitale Prozesse oder KI-Anwendungen können diese Spannung verstärken: Eine Veränderung wird auf übergeordneter Ebene beschlossen, während Aufgabenverteilung und konkrete Auswirkungen im Team noch nicht geklärt sind – die Teamleitung soll die Neuerung dennoch erklären und umsetzen.

Ich erlebe die Sandwichposition deshalb weniger als einen statischen Platz „zwischen zwei Stühlen“ und mehr als eine permanente Übersetzungsleistung zwischen Entscheidung und Umsetzung.

Vier typische Spannungsfelder

In meiner Arbeit begegnen mir dabei besonders häufig vier Spannungsfelder.
Vorgaben vertreten, die man nicht selbst entschieden hat
Eine Führungskraft muss nicht jede Entscheidung persönlich gut finden, um sie professionell zu vertreten. Sie sollte aber unterscheiden, was bereits entschieden ist, was noch beeinflussbar ist und wo sie selbst Bedenken zurückmelden muss.
Sätze wie „Ich kann auch nichts dafür, das kommt von oben“ entlasten kurzfristig, schwächen aber die eigene Rolle: Das Team erlebt die Führungskraft dann nicht als jemanden, der Orientierung gibt, sondern als zusätzliche Betroffene.
Professionelle Loyalität bedeutet für mich nicht, alles gutzuheißen. Sie bedeutet, Entscheidungen verständlich zu vermitteln, offene Fragen sichtbar zu machen und berechtigte Rückmeldungen nach oben zu tragen.
Orientierung geben, obwohl noch nicht alles geklärt ist
Viele Führungskräfte warten mit der Kommunikation, bis sie vollständige Informationen haben. Das wirkt verantwortungsvoll, erzeugt aber ein Vakuum: Mitarbeitende bemerken Veränderungen häufig früher, als Führungskräfte vermuten. Fehlt eine Einordnung, entstehen Gerüchte und eigene Erklärungen.
In solchen Situationen arbeite ich gern mit einer einfachen Unterscheidung zwischen drei Bereichen:

Klar
Was ist tatsächlich entschieden?
Offen
Welche Fragen sind noch ungeklärt?
Nächster Schritt
Was geschieht als Nächstes, und wann folgt eine weitere Information?

Eine Teamleitung nach einer Umstrukturierung könnte etwa sagen:
„Entschieden ist, dass unser Bereich ab September anders aufgestellt wird. Offen ist noch, wie die laufenden Kundenprojekte verteilt werden. Wir erfassen bis Freitag alle betroffenen Projekte. Im Teammeeting am Montag klären wir, welche Zuordnungen wir selbst entscheiden können und wo wir noch eine Entscheidung der Bereichsleitung brauchen.“
Diese Aussage beantwortet nicht jede Detailfrage. Sie zeigt aber, was feststeht, was offen ist, wie der Weg zur Klärung aussieht – und macht zugleich sichtbar, welche Entscheidung im Team liegt und wo die nächste Führungsebene gefragt ist.
Erwartungen des Teams aufnehmen, ohne alles abzufedern
Eine Kundin beschwert sich, ein Projekt gerät in Verzug. Die Teamleitung könnte das Problem oft selbst schneller lösen – kurzfristig wirksam, langfristig riskant: Im Zweifel übernimmt die Führungskraft, während das Team lernt, Verantwortung nach oben weiterzugeben.
In Coachings erlebe ich häufig, wie schwer es Führungskräften fällt, an dieser Stelle nicht sofort selbst einzugreifen. Gerade in der Sandwichposition fühlt sich das schnelle Lösen zunächst verantwortungsvoll an.
Führung bedeutet aber nicht, Mitarbeitende mit Problemen allein zu lassen. Sie bedeutet ebenso wenig, ihnen jede Unsicherheit abzunehmen. Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur: Wie kann ich helfen? Sondern auch: Welche Verantwortung sollte im Team bleiben, damit Selbstständigkeit entstehen kann?
Auswirkungen nach oben kommunizieren, ohne nur Probleme weiterzureichen
Nach oben reicht es nicht, zu berichten, dass „das Team unzufrieden ist“ – eine solche Aussage bleibt unscharf. Hilfreicher ist eine strukturierte Rückmeldung: Was wird konkret beobachtet? Welche Auswirkungen zeigen sich auf Arbeitsabläufe oder Belastung? Was kann die Teamleitung selbst klären, wo ist eine Entscheidung der nächsthöheren Ebene nötig?
So wird aus einer allgemeinen Problemmeldung eine professionelle Entscheidungsgrundlage – ohne die Entscheidung infrage zu stellen und ohne das Problem zu verschweigen.

Rollenklarheit als Kern der Sandwichposition

Das Team erwartet Schutz und Beteiligung. Die eigene Führungskraft erwartet Loyalität und Umsetzung. Nicht alle diese Erwartungen lassen sich vereinbaren.

In meinen Coachings zeigt sich häufig: Nicht allein der Konflikt oder der Veränderungsdruck lähmt, sondern die Unklarheit darüber, was tatsächlich zur eigenen Rolle gehört.

Rollenklarheit bedeutet für mich deshalb nicht, eine Position zu finden, mit der alle zufrieden sind. Sie bedeutet, die eigene Verantwortung genauer zu unterscheiden.

Dabei helfen fünf Fragen:

  • Was muss ich vertreten?
  • Was kann ich selbst entscheiden?
  • Welche Auswirkungen muss ich zurückmelden?
  • Was kann ich jetzt noch nicht beantworten?
  • Welche Entscheidung liegt ausdrücklich nicht bei mir?

Diese Fragen beseitigen keine Konflikte. Sie verhindern aber, dass eine Führungskraft Verantwortung übernimmt, die außerhalb ihres Einflussbereichs liegt – oder abgibt, was tatsächlich zu ihrer Rolle gehört.

Zwischen Überverantwortung und Rückzug liegt die geklärte Führungsrolle.

Kommunikation in drei Richtungen

Zum Team

Transparent benennen, was feststeht, offene Fragen nicht beschönigen, einen verlässlichen nächsten Schritt nennen.

Klarheit ist nicht immer angenehm. Nach meiner Erfahrung verhindert sie aber häufig, dass Informationslücken durch Spekulationen und Sorgen gefüllt werden.

Zu Vorgesetzten

Sichtbar machen, welche Konsequenzen Entscheidungen im Team haben und wo zusätzliche Klärung nötig ist – etwa:

„Die Entscheidung kann ich im Team vertreten. Für die Umsetzung fehlen uns noch zwei Punkte: die Priorisierung der laufenden Projekte und eine Entscheidung über die personelle Unterstützung.“

Zu sich selbst

Auch nach innen findet Kommunikation statt – meist unbemerkt und innerhalb weniger Sekunden.

Vor einem schwierigen Gespräch treten häufig mehrere Impulse gleichzeitig auf: der Wunsch, schnell Klarheit zu schaffen, die Sorge, etwas vorschnell zu behaupten, und die Rücksicht auf ein Team, das bereits stark belastet ist.

Jeder dieser Impulse hat einen nachvollziehbaren Grund. Genau das macht die Entscheidung anspruchsvoll: Es geht nicht darum, eine richtige von einer falschen Stimme zu unterscheiden, sondern darum, welche Verantwortung in der konkreten Situation Vorrang hat.

Wer diese innere Abwägung bewusst wahrnimmt, kann genauer unterscheiden, ob ein Aufschub sachlich begründet ist – oder vor allem der eigenen Entlastung dient.

Handlungsfähigkeit statt vollständiger Kontrolle

Führungskräfte in der Sandwichposition können viele Rahmenbedingungen nicht selbst bestimmen.

Ihre Handlungsspielräume liegen beispielsweise darin, wie transparent sie kommunizieren, welche Fragen sie nach oben zurückgeben, welche Verantwortung sie im Team belassen und welchen nächsten Schritt sie verbindlich vereinbaren.

Handlungsfähigkeit beginnt nicht erst, wenn alle Informationen vorliegen. Sie beginnt dort, wo eine Führungskraft ihren tatsächlichen Einflussbereich erkennt und nutzt.

Das ist weniger mächtig als vollständige Kontrolle – aber häufig der Ausgangspunkt für Selbstwirksamkeit.

Fazit: Klar führen zwischen widersprüchlichen Erwartungen

Führung in der Sandwichposition wird nicht dadurch leichter, dass eine Führungskraft alle Erwartungen gleichzeitig erfüllt.

Sie wird klarer, wenn vier Schritte unterscheidbar werden:

Rolle klären. Spannungen unterscheiden. Kommunikation ausrichten. Den nächsten Schritt bestimmen.

Nicht jede Unsicherheit lässt sich sofort auflösen, nicht jede Vorgabe verändern, nicht jeder Konflikt vermeiden.

Ich erlebe jedoch immer wieder, dass Führungskräfte an Sicherheit und Wirksamkeit gewinnen, wenn sie sichtbar machen können, was feststeht, was offenbleibt und wo sie selbst handeln können.

Genau dort beginnt wirksame Führung.

Führungskräftecoaching in Reutlingen und der Region

Im Führungskräftecoaching in Reutlingen begleite ich Teamleitungen, Nachwuchsführungskräfte und Führungskräfte im mittleren Management dabei, ihre Rolle zu klären und auch unter widersprüchlichen Erwartungen handlungsfähig zu bleiben.

Das Coaching findet in meinen Räumen in Reutlingen oder online statt und richtet sich auch an Führungskräfte aus Tübingen, Metzingen, der Region Neckar-Alb und dem südlichen Großraum Stuttgart.

Wenn Sie Ihre konkrete Führungssituation sortieren möchten, können Sie ein unverbindliches Erstgespräch vereinbaren.

https://zeeg.me/karriereimpulse/kostenloses-erstgespraech

Seminar am 23.02.2026: Führungskraft als Teammitglied

Seminar am 23.02.2026: Führungskraft als Teammitglied

Tagesseminar am 23.02.2026, 09:00-17:00

in der IHK Akademie Reutlingen, Allmendstraße 7, 72070 Reutlingen

Zur Anmeldung

Auf die Balance zwischen Führungskraft und Teammitglied kommt es an. Sie als Dreh- und Angelpunkt für einen reibungslosen Betriebsablauf brauchen dazu Ihr Team. Sie möchten sich nicht als Einzelkämpfer positionieren, sondern sich auf Augenhöhe in Ihr Team integrieren. Dieses Seminar gibt Ihnen die Skills dafür.

Zielgruppe Teamleiter

Inhalt

  • Unterschiedliche Teamphasen
  • Analyse der unterschiedlichen Rollen im Team
  • Die eigene Rolle klären und finden
  • Werte und Regeln im Team definieren  
  • Aufgaben und Intervention als Teamleader (Fordern, Fördern, Motivieren, Potenziale aufzeigen und nutzen)
  • Lösungsorientierte Kommunikation (Feedback geben und einholen)  
  • Eigenverantwortung fördern
  • Effiziente Teambesprechungen
  • Konfliktmanagement (Lösungsorientierter Umgang mit Konflikten, Hintergründe von Konflikten erkennen und einordnen, Offene und verdeckte Konflikte)

Hier geht es zur Anmeldung

Seminar am 23.02.2026: Führungskraft als Teammitglied

Seminar am 08.10.2025: Führungskraft als Teammitglied

Tagesseminar am 08.10.2025, 09:00-17:00

in der IHK Akademie Reutlingen, Allmendstraße 7, 72070 Reutlingen

Zur Anmeldung

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Hier geht es zur Anmeldung

Seminar am 23.02.2026: Führungskraft als Teammitglied

Seminar am 11.02.2025: Führungskraft als Teammitglied

Tagesseminar am 11.02.2025, 09:00-17:00

in der IHK Akademie Reutlingen, Allmendstraße 7, 72070 Reutlingen

Zur Anmeldung

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Führungskraft als Coach? Die Risiken einer Rolle ohne Klarheit

Führungskraft als Coach? Die Risiken einer Rolle ohne Klarheit

Wieder einer dieser Tage, an denen ich durch den endlosen Strom von LinkedIn-Beiträgen scrolle, auf der Suche nach inspirierenden Gedanken oder innovativen Ideen. Zwischen Erfolgsgeschichten und Motivationssprüchen sticht mir plötzlich eine Anzeige ins Auge: „Wenn Führungskräfte coachen können, geht bei Unternehmen die Sonne auf.“

„Hallo?!“ Meine erste Frage lautet: „Was bitte schön passiert hier denn gerade?“  Beim Weiterlesen erfahre ich, dass eine Unternehmensberatung eine Coachingausbildung bewirbt. Sie verspricht nicht weniger als die Lösung aller betrieblichen Probleme durch die Verwandlung von Führungskräften in Coaches. Weiter heißt es dort, dass dadurch auf einmal alle Teamkonflikte gelöst werden und alle an einem Strang ziehen.

Als systemischer Managementcoach, zu dem regelmäßig Führungskräfte in sogenannten Sandwichpositionen kommen, hat mich diese Aussage sofort getriggert. Ich spürte eine Mischung aus Verärgerung und Skepsis – ja fast schon Empörung. Das Versprechen, Führungskräfte könnten durch Coaching-Tools alle Konflikte lösen, fordert mich zu einer Stellungnahme heraus. Was steckt hinter diesem Trend, der so leichtfertig die Rolle des Coaches auf Führungskräfte überträgt? Welche Haltung als Coach wird angesprochen? Womöglich steckt ein anderes Coachingverständnis dahinter?

Die Realität der Sandwichposition und das Dilemma der Doppelrolle

In meiner Praxis erlebe ich oft die Herausforderungen, mit denen Führungskräfte in der mittleren Managementebene konfrontiert sind. Sie befinden sich in der klassischen Sandwichposition – eingeklemmt zwischen den Anforderungen des Top-Managements und den Bedürfnissen ihrer Mitarbeitenden. Diese Position ist per se schon komplex genug. Die Idee, diese Führungskräfte nun auch noch zu Coaches ihrer Mitarbeiter zu machen, erscheint mir mehr als fragwürdig.

Für mich liegt hier das Kernproblem: Nach meinem Coachingverständnis ist ein Coach eine neutrale und absichtslose Instanz, die ausschließlich den Zielen des Klienten verpflichtet ist. Wie soll das funktionieren, wenn die Führungskraft gleichzeitig die Unternehmensinteressen vertreten muss? Aus meiner Sicht entsteht hier ein unlösbarer Rollenkonflikt. Eine Führungskraft kann nicht neutral, objektiv und absichtslos sein.

Führt dieser Rollenkonflikt nicht zwangsläufig zu einer offenen Frage der Vertraulichkeit? Wie soll eine Mitarbeiterin offen über ihre Schwächen oder Unsicherheiten sprechen, wenn sie weiß, dass ihr „Coach“ am nächsten Tag wieder in die Rolle des Vorgesetzten schlüpft, der über Beförderungen oder gar Kündigungen entscheidet?

Die Vertraulichkeit und das Vertrauen – für mich das A und O eines effektiven Coachings: Werden diese Werte dann nicht von vornherein untergraben? Entsteht dann nicht eine Atmosphäre der Unsicherheit, die dem eigentlichen Ziel des Coachings – der persönlichen Entwicklung – diametral entgegensteht?

Foto von Pavel Danilyuk auf www.pexels.com

Das System als Hindernis 

Führungskräfte sind integraler Bestandteil des Unternehmenssystems. Sie agieren innerhalb der Organisationsstrukturen, die oft auch Ursache für die Probleme sind, die im Coaching bearbeitet werden sollen.

Wie ich Coaching verstehe, erfordert es jedoch eine Position außerhalb dieses Systems, um wirklich effektiv sein zu können.

Diese systemische Verstrickung führt meiner Erfahrung nach zwangsläufig zu Interessenkonflikten. Viele der Probleme, die in einem Coaching-Gespräch auftauchen, können direkt oder indirekt mit Entscheidungen oder dem Führungsstil der vermeintlichen „Coach-Führungskraft“ zusammenhängen. Die Führungskraft oft selbst Teil des Problems -wie soll sie dann neutral als Coach agieren?

Was mich beunruhigt, ist die Verwässerung des Coaching-Begriffs, die ich durch solche Trends befürchte. „Jetzt coachen Sie mal eben Ihre Mitarbeiter – und dann geht’s schon wieder“ lautet oft der Hinweis in Unternehmen. Coaching als Zauberwort. Doch was hier als „Coaching“ verkauft wird, ist in vielen Fällen nichts anderes als ein gut gemeintes Mitarbeitergespräch. Coaching wird zu einem Modewort, das inflationär benutzt wird, ohne dass dabei die eigentliche Tiefe und Qualität professionellen Coachings berücksichtigt werden.

Wir leben im Umbruch: Schnelligkeit, Komplexität, Unsicherheitsfaktoren und widersprüchliche Erwartungen nehmen zu. Arbeitswelt und Privatwelt vermischen sich immer mehr.

Coaching ist mehr als die Anwendung gelernter Tools. Coaching beinhaltet mehr als die Kenntnis des GROW-Modells nach Whitmore oder die Technik des Aktiven Zuhörens. Coaching ist für mich eine hochwertige, spezialisierte Dienstleistung. Wenn Mitarbeitergespräche zum „Coaching“ umetikettiert werden, sehe ich die Gefahr, dass der Blick für den tatsächlichen Bedarf an professioneller Unterstützung verloren geht. Werden dann nicht Chancen vertan, echte Veränderungen anzustoßen? Entsteht nicht eher eine Schein-Coaching-Kultur, die mehr der Imagepolierung dient als der tatsächlichen Mitarbeiterentwicklung?

Ein konstruktiver Ausblick: Systemische Interventionen im Führungsalltag

Trotz meiner kritischen Haltung sehe ich durchaus Möglichkeiten, dass Führungskräfte von Coaching-Techniken profitieren können, ohne die Rolle eines vollwertigen Coaches einzunehmen. Aus meiner Sicht liegt der Schlüssel in der gezielten Stärkung kommunikativer Fähigkeiten und dem Einsatz systemischer Interventionen.

In meiner Zusammenarbeit mit Führungskräften erlebe ich immer wieder, wie wertvoll systemische Fragetechniken sein können. Ich kann Impulse setzen, wie mit systemischen Interventionen ein Führungsalltag effizienter gestaltet werden kann. Teilweise können diese Fragetechniken durchaus auch Führungskräfte bei Mitarbeitern anwenden. Es sind beispielsweise Fragen zur Klärung des Anliegens, zirkuläre Fragen, zielorientierte Fragen oder hypothetische Fragen. Sie können Führungskräften helfen, bessere Gespräche zu führen und ihre Mitarbeiter zu unterstützen.

Dabei muss die klare Trennung zwischen Führungsrolle und professionellem Coaching gewahrt bleiben. Die Führungskraft verbessert ihre Kommunikation und ihr Verständnis für systemische Zusammenhänge, ohne in die Rolle eines Coachs zu schlüpfen.

Fazit: Klare Grenzen für effektive Führung und Coaching

Lasst uns doch bitte die Grenzen zwischen Führung und Coaching klar ziehen. Führungskräfte sollten ihre kommunikativen Fähigkeiten verbessern und systemische Denkansätze in ihren Führungsstil integrieren – jedoch ohne den Anspruch, gleichzeitig Coach zu sein. Eine Führungskraft kann niemals neutral, objektiv und absichtslos sein.

Nur wenn wir diese Grenzen respektieren, können sowohl Führung als auch Coaching ihre volle Wirkung entfalten. Die „Sonne“ in Unternehmen geht meiner Überzeugung nach nicht durch Alleskönner auf, sondern durch klare Rollen, professionelle Spezialisierung und den gezielten Einsatz systemischer Interventionen im Führungsalltag.

Diskutieren Sie mit!

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Coaching? Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie? Teilen Sie Ihre Meinung in den Kommentaren!